Am Ende steht Gott
- Daniel
- 10. Feb.
- 12 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Feb.
Es ist 2008. Ich sitze im Deutschunterricht, Leistungskurs, fünfte Stunde. Thema: Barocke Lyrik. Ich lerne, dass es im Barock zwei dominante Weltanschauungen gab, die sich in der Kunst der Epoche widerspiegeln: Team „Memento mori“ (zu Deutsch: Gedenke des Todes) und Team „Carpe diem“ (zu Deutsch: Pflücke/Nutze den Tag). So ungefähr wie Team Edward und Team Jacob, denke ich. Erstere, lerne ich, blickten eher düster auf das Leben, immer im Bewusstsein, dass irgendwann (und vielleicht schon bald?) der Tod wartet. Zweitere betonten hingegen, dass sie ja JETZT noch nicht tot seien und man deshalb JETZT besser fröhlich und unbeschwert leben sollte, ohne zu viel über die Vergänglichkeit zu grübeln.
Plötzlich unterbricht die Lehrerin ihre Ausführungen: „Und? Wie sieht es bei Ihnen aus? Jetzt mal Handzeichen: Wer sieht sich eher im Team ‚Carpe diem‘?“. Mit zwei Ausnahmen hebt die ganze Klasse prompt die Hände. „Und wer sieht sich eher im Team ‚Memento mori‘?“. Der ganz in schwarz gekleidete junge Mann neben mir mit schwarzem Kajalstrich unter den Augen hebt die Hand. Ich hebe auch meine Hand. Ein stilles Schmunzeln geht durch den Klassenraum.
Immer mal wieder muss ich an diese alte Situation denken. Damals erschien mir meine Antwort als die eindeutig christlichere Option. ‚Carpe diem‘ … das klang irgendwie nach Saufen und Party und „Only the good die young“. Zumindest hatte es der Rest der Klasse mit großer Sicherheit so verstanden. Es ist nun keineswegs so, dass ich zu der Zeit samstagabends bloß in meinem Zimmer saß und in der Bibel las. Aber als Christ, dachte ich mir, lebe ich doch trotz der netten Freuden des Lebens sehr wohl in dem ständigen Bewusstsein, dass es irgendwann auch mal vorbei ist – und dass ich mir deshalb, solange ich noch Zeit habe, überlegen sollte, ob ich glaube, dass danach noch etwas kommt … und was ggf. zu tun wäre, um daran teilhaben zu können.

Viele aus dem damaligen Deutschkurs wussten, dass ich irgendwie so ein Christentyp war – und zwar einer, der sich nicht nur hatte konfirmieren lassen, um das Geld für die Playstation und den Gratis-Snack im Gottesdienst abgreifen zu können. Viele hielten mich allein deshalb schon für etwas seltsam. Sogar meine Deutschlehrerin wusste von meinem Glauben, was mir unter anderem später das Zitat „Nach dem Tod ist man erst mal tot“ in der Abi-Zeitung einbrachte (eine Antwort auf die Frage: „Daniel, Sie sind doch Experte für so was. Was passiert denn jetzt eigentlich nach dem Tod?“). Ich mochte sie trotzdem, meine Deutschlehrerin. Aber für sie und auch für den Rest des Kurses war mein Bekenntnis zu Team „Memento mori“ vor allem Anlass zum Kopfschütteln.
Wenn ich heute darüber nachdenke, dann fällt mir auf, dass das Christentum generell einen recht schlechten Ruf für seine Gedanken über den Tod und das Leben danach hat. Seit Jahrhunderten schon besteht die Kritik, dass der christliche Glaube immer nur auf das ewige Leben im Jenseits vertröste und den Menschen keine Verbesserung im Diesseits bringe. Schlimmer noch: er überfrachte sie sogar im Gegenteil mit Geboten und Regeln, die das Leben noch schwerer erträglich machten. Natürlich behaupte ich als Christ, dass diese Kritik vorwiegend auf Misinformation beruht. Aber mein Handzeichen von damals hat wohl für mein Umfeld genau in diese Kerbe geschlagen.
Wenn ich also glaube, dass die Kritik nicht gerechtfertigt ist, was würde ich denn entgegnen, um das Bild geradezurücken? Was ist denn die wirkliche christliche Lehre vom „Jenseits“, welches in der Bibel „Reich Gottes“ genannt wird? Passender Weise bin ich kürzlich wieder über einen Text genau dazu gestolpert. Es gibt nämlich eine Person, die die primäre Informationsquelle über dieses Reich Gottes ist: Jesus. Und „Jesus“, das ist auch der Titel eines Buchs des Theologen Hans Küng, das ich vor kurzem mit ein paar Freunden aus meiner Gemeinde angefangen habe zu lesen. Genau dieses Buch hat mich zum heutigen Blogbeitrag inspiriert, denn Küng widmet ein umfangreiches Kapitel ebenjenem Thema des Reiches Gottes und der Frage, was Jesus darüber verkündet hat.
Küng und das „Reich Gottes“
Beim ersten Lesen fand ich Küngs Auslegung der Aussagen Jesu bereits sehr erfrischend und inspirierend. Allerdings hatte ich am Ende des Kapitels auch das Gefühl, schon wieder einen Großteil seiner Punkte vergessen zu haben. Das Buch ist unglaublich dicht und streckenweise für mich als „Laien“ auch einen Hauch zu theologisch-verklausuliert geschrieben. Ich hatte daher beim Zuschlagen des Buchs bereits das Bedürfnis, das entsprechende Kapitel zeitnah noch einmal zu lesen und mir zu notieren, was das Reich Gottes nach Küngs Jesus-Auslegung ist – und was nicht. Und da ich heute wieder an der Reihe bin mit einem Beitrag, dachte ich mir, ich nehme das als Anlass, meinen Plan in die Tat umzusetzen.
Zunächst einmal stellt Küng klar, dass das Reich Gottes nicht eins von vielen Themen des Christentums ist, sondern DAS zentrale Thema von Jesu Verkündigung (vgl. Küng 2021, S. 106; alle folgenden Seitenzahlen ohne weiteren Hinweis beziehen sich auf dieselbe Quelle). Er stellt dabei fest, dass Jesus das Reich Gottes (manchmal auch „Reich der Himmel“ genannt, jedoch nie als Ort, sondern immer als Wesensart zu verstehen) interessanterweise an keiner Stelle klar definiert, dafür aber durch viele lebensnahe und verständliche Vergleiche den Menschen nahebringt (vgl. S. 106). Küng sieht im Reich Gottes sogar „die Sache Gottes“ (S. 105) selbst, also den Kern von allem, worum es Gott geht.
Aber was ist es nun, dieses Reich Gottes, auf das wir als Christen warten? Hier knüpft Küng an vorherige Kapitel an, indem er in knappen Gegenüberstellungen zusammenfasst, dass das Reich Gottes, so wie es Jesus predigt, zunächst einmal anders ist, als es viele Menschen durch die Geschichte hindurch verstanden haben:
„Was ist das Reich Gottes für Jesus? Kurz zusammengefasst nach dem bisher Gehörten: - Nicht nur die beständige, von Anfang der Schöpfung an gegebene Gottesherrschaft der Jerusalemer Hierarchen. Sondern das kommende Reich Gottes der Endzeit. - Nicht die gewaltsam zu errichtende religiös-politische Theokratie oder Demokratie der zelotischen Revolutionäre. Sondern die gewaltlos zu erwartende unmittelbare, uneingeschränkte Weltherrschaft Gottes selbst. - Nicht das Rachegericht zugunsten einer Elite von Vollkommenen im Sinne der Essener und Qumranleute. Sondern die frohe Botschaft von Gottes grenzenloser Güte und unbedingter Gnade gerade für die Verlorenen und Elenden. - Nicht ein von Menschen durch exakte Gesetzeserfüllung und bessere Moral aufzubauendes Reich im Geist der Pharisäer. Sondern das durch Gottes freie Tat zu schaffende Reich. Und was für ein Reich wird dies sein? Aus seiner Verkündigung ergibt sich: Ein Reich, wo nach Jesu Gebet Gottes Name wirklich geheiligt wird, sein Wille auch auf Erden geschieht, die Menschen von allem die Fülle haben werden, alle Schuld vergeben und alles Böse überwunden sein wird. Ein Reich, wo nach Jesu Verheißungen endlich die Armen, die Hungernden, Weinenden, Getretenen zum Zuge kommen werden: wo Schmerz, Leid und Tod ein Ende haben werden.“ (Küng 2021, S. 106f.)
Bei diesen Worten gehen mir gleich mehrere Dinge durch den Kopf. Jedes Mal, wenn ich die Passage bisher gelesen habe, hat sie in mir zunächst mal eine innere Flamme neu entfacht, sodass ich unwillkürlich dachte: Ja! Genau da möchte ich dabei sein! Gerade Küngs Gegenüberstellungen bringen für mich eine sehr wohltuende Frische und Einfachheit in die Vorstellung vom Reich Gottes. Auf der einen Seite sind da die menschlichen Vorstellungen, die Jesus laut Küng allesamt entkräftigt: Das Reich Gottes ist weder klein und beschränkt, noch muss es mit Gewalt herbeigeführt werden, noch schließt es bestimmte Gruppen von vorneherein aus, noch kann es durch Disziplin und Errungenschaften erarbeitet werden. In all diesen Vorstellungen merkt man, dass das Reich Gottes selbst für viele Gläubige durch die Geschichte hindurch offenbar zu schön war um wahr zu sein. So wurde es historisch in diverse menschliche Gewänder gezwängt, die es dem ähnlicher machen sollten, was wir aus unserer Welt kennen.
Der Gedanke, dass es am Ende jedoch ganz anders sein wird als alles, was wir kennen, löst in mir gemischte Gefühle aus. Einerseits ist da eine gewisse nervöse Unruhe, weil ich eben trotz Jesu Gleichnissen nicht komplett greifen kann, wie es sein wird. Gleichzeitig ist da aber auch ein angenehmes Gefühl von Befreiung und Erleichterung. Wenn ich darüber nachdenke, dass all die Dinge, die unsere Welt heute dominieren und offensichtlich zu nichts als immer mehr Chaos führen (Gewalt, Ausgrenzung, Erfolgsgier, …), genau NICHT Teil des Reiches Gottes sind, dann löst das in mir eine tiefe Sehnsucht aus. Das klingt nach einem Ort, an dem ich sein möchte!
Für mich als eher rational und kritisch denken Menschen drängt sich hier eine unangenehme Frage auf: Was, wenn das alles nur Wunschdenken ist? Genau das ist ja auch eine oft geäußerte Kritik: Ihr Christen malt euch eine rosarote Zukunfts-Welt aus, weil ihr nicht akzeptieren wollt, dass das Leid und das Chaos hier und heute nun mal die einzige Realität sind. Und dann klammert ihr euch an diese Fantasie, damit ihr die Welt besser ertragen könnt.
Eine Sache, die ich an Küngs Schreibstil liebe, ist, dass er genau solche erwartbare Kritik immer bereits kommen zu sehen scheint und ihr postwendend mit einem Glauben und einer überzeugten Pragmatik entgegnet, die ansteckend ist. An vielen Stellen im Buch höre ich ihn vor meinem geistigen Ohr sagen: „Papperlapapp!“, was mir jedes Mal ein kleines Schmunzeln aufs Gesicht zaubert. So ist es auch an dieser Stelle, wenn er erwidert, dass das Reich Gottes nicht eine verzweifelte gedankliche Weltflucht ist, sondern genau deshalb glaubwürdig ist, weil Gott selbst, der alles, was wir kennen, geschaffen hat, dieses Reich angekündigt hat. Er ist somit selbst Bürge dafür, dass es die verlässliche Zukunft sein wird (vgl. S. 107f.). Das ist natürlich für einen überzeugten Atheisten kein Argument. Für mich als Christen ist es aber genau die Ermutigung, die ich ab und zu brauche. Küng geht hier nicht weiter auf all die Argumente ein, die er für sich in seinem Leben bereits für die Existenz Gottes gefunden hat. Er geht einfach einen Schritt weiter und argumentiert aus einem bereits starken und begründeten Glauben heraus. Davon könnte ich mir öfter eine Scheibe abschneiden.
Küng geht auch noch auf eine andere kritische Rückfrage ein, die der Verkündigung vom Reich Gottes offenbar direkt das Fundament entzieht: Jesus hat das Reich Gottes allem Anschein nach in sehr naher Zukunft erwartet (vgl. S. 108). Seit 2000 Jahren ist es jedoch nicht angebrochen. Folglich war es schon immer ein Hirngespinst … oder?
Küng führt hier zunächst aus, dass die sogenannte „Naherwartung“ durchaus als eine „zeitbedingte, zeitgebundene Weltanschauung“ (S. 109) aus der Zeit Jesu verstanden werden kann (im Übrigen nicht ohne einen bissigen Kommentar in Richtung derjenigen, die gerne immer mal wieder die nahende Apokalypse ausrufen und damit der Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens keinen Gefallen tun). Für Küng ist dies allerdings kein Grund, die Realität eines zukünftigen Gottesreiches insgesamt zu verwerfen. Er merkt an, dass gerade die Tatsache, dass die Botschaft Jesu trotz bisherigem Ausbleiben des Reiches Gottes über Jahrtausende für so viele Menschen ungemein bewegend blieb, doch sehr bemerkenswert sei (vgl. S. 110).
Hieran knüpft er seine zentralen Gedanken darüber an, was das Reich Gottes ist, was es nicht ist, und wieso es trotz der unbestimmbaren zeitlichen Entfernung immer aktuell ist und große Auswirkungen auf das Hier und Jetzt hat. Er spricht hier von einem „Noch-nicht und Doch-schon“ (S. 110) und einer Teilung in Gegenwart und Zukunft, welche für ihn eine beeindruckende Wechselwirkung hat:
„Kein Reden also vom zukünftigen Gottesreich ohne Konsequenzen für die gegenwärtige Gesellschaft. Aber umgekehrt auch kein Reden von der Gegenwart und ihren Problemen ohne Aussicht auf die bestimmende absolute Zukunft.“ (Küng 2021, S. 110)
Küng geht an dieser Stelle erneut auf die Kritik ein, dass das Reich Gottes nur eine „Projektion unerfüllter Wünsche“ (S. 110) sei und weist diese zurück, indem er unterstreicht, dass Jesus gerade nicht vertröstet hat, sondern aus seiner Botschaft über das Ende einen Aufruf zur Veränderung heute gemacht hat (vgl. S. 111). Gleichzeitig weist er aber auch jene Auslegungen zurück, die das Reich Gottes bereits im hier und jetzt (z.B. in der heutigen Kirche) verwirklicht sehen. Diese Auslegungen sind laut Küng nicht haltbar, weil die Gegenwart in keiner Weise dem Charakter des versprochenen Reiches Gottes nahekommt (vgl. S. 111). Küng bleibt dabei, dass das zukünftige Reich Gottes von Jesus als völlig anders verkündigt wurde als alles, was wir bereits kennen (vgl. S. 112). Dabei geht er sogar so weit, die Frage nach dem Sinn des Lebens an das Reich Gottes zu koppeln:
„Es gibt nicht nur vorläufige menschliche Sinnsetzungen von Fall zu Fall. Es gibt einen endgültigen, dem Menschen frei angebotenen Sinn von Menschen und Welt.“ (Küng 2021, S. 112f.)
Damit meint er das Reich Gottes – ein Reich, dass keine jemals von Menschen erschaffene noch eine von Menschen überhaupt erschaffbare Sache meint. Es meint laut Küng vielmehr eine noch ausstehende Wirklichkeit, die nur durch Gottes einzigartiges Handeln hervorgerufen werden kann (vgl. S. 113). Wer meine Beiträge hier auf diesem Blog verfolgt, weiß, dass es genau das ist, worauf ich in meinem Glauben so sehnlich hoffe: dass Gott einschreiten und wieder heil machen wird, was wir trotz arroganter Ambitionen und ungerechtfertigtem Glauben an uns selbst in einer ewigen Abwärtsspirale kaputt machen. Mich inspiriert dabei die Gewissheit und der starke Glaube, den Küng transportiert. So bedacht und logisch-argumentativ, wie er schreibt, vermittelt er den Eindruck, dass es absolut vernünftig sei, von der Realität des zukünftigen Reiches Gottes auszugehen. Wie auch zuvor: Für einen Atheisten einfach nur weiterer Unsinn. Für mich großer Trost und Ermutigung.
Das Jetzt und das Dann
Aber wie ist es nun zu verstehen, dass das Jetzt und das Dann sich gegenseitig beeinflussen? Wie kann die Erwartung des Reiches Gottes schon jetzt den Einzelnen sowie die Gesellschaft verändern? Laut Küng geht es auch hier wieder um den Sinn des Lebens, der aus dem Reich Gottes hervorgeht in Form einer notwendigen Entscheidung: Für und mit Gott oder gegen und damit ohne Gott. Diese Entscheidung ist in jedem (begrenzten) Leben gleich dringlich, egal wie viel oder wenig Zeit noch bis zum Anbruch des Reiches bleiben sollte (vgl. S. 114f.). Fällt die Entscheidung des Einzelnen auf „mit Gott“, dann bleibt dies nicht nur eine theoretische Entscheidung, sondern es folgen Konsequenzen:
„Eine Uminterpretation des Lebens, eine neue Lebenseinstellung, ein neues Leben überhaupt.“ (Küng 2021, S. 114).
Ich denke, worauf Küng hier abzielt, ist die Macht der Veränderung, die der Glaube eines jeden Einzelnen an die Versprechung Gottes mitbringt. Hoffnungsvoll auf das Reich Gottes zu blicken heißt, sich nach Frieden und liebevollem Miteinander zu sehnen. Wer einmal erkannt hat, dass darin das wahre Glück und die Lösung für die Probleme der Welt liegt, der wird nicht bis zu seinem Tod untätig dasitzen und bloß auf Veränderung warten. Wer Gottes Vision für die Welt für sich annimmt und darauf vertraut, dass sie eines Tages wahr wird, der wird auch nicht den Rest seines Lebens konträr zu allen Werten leben, die er als gut und richtig erkannt hat. Und so wird jeder Glaubende in sich und seinem direkten Umfeld schon heute Veränderung bewirken.
Diese Veränderung sorgt dafür, dass es ein Noch-nicht und Doch-schon geben kann, indem unzählige kleine Leuchtfeuer bereits heute einen Vorgeschmack auf die Zeit geben können, wenn die Welt komplett von Gottes Gegenwart und Liebe erhellt sein wird. So wie schon Jesus zu seinen Nachfolgern sagte:
„Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet doch nicht eine Lampe an und stellt sie dann unter einen Kübel. Im Gegenteil: Man stellt sie auf den Lampenständer, damit sie allen im Haus Licht gibt. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten: Sie sollen eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen." (Matthäus 5, 14-16)
Gleichzeitig zeigt Küng, wie Jesus all jene in die Schranken weist, die meinen, mit ihrem Tun aus eigener Kraft den großen Umsturz schaffen zu können. Denn am Ende reicht für die völlige Veränderung nicht etwas Menschengemachtes aus, sondern es braucht ein Eingreifen Gottes. Gott aber wartet auch nicht bis zum Tag X, um in Erscheinung zu treten und zu wirken. Er ist gleichzeitig bereits der Anfang von allem gewesen und auch heute in allem für alle erfahrbar, die offen für ihn sind. Dass das endgültige Reich Gottes noch auf sich warten lässt, ist am Ende wohl auch nur Ausdruck derselben Liebe, die dann eines Tages endgültig die ganze Welt umspannen wird:
„Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten, sondern er ist langmütig euch gegenüber, da er nicht will, dass irgendwelche verloren gehen, sondern dass alle zur Buße kommen.“ (2. Petrus 3, 9)
Bis dahin bleibt alles irgendwie in der Schwebe: Wir wissen von Jesus schon vieles über das Reich Gottes, aber wie es wirklich sein wird, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Wir können uns schon heute persönlich in die richtige Richtung entwickeln, die völlige Veränderung wird aber erst am Ende durch Gott selbst geschehen können. Wir können schon daran mitwirken, das Reich Gottes aufzubauen und mehr Menschen dafür zu gewinnen, wir können es aber trotzdem nicht aus eigener Kraft herbeiführen. Vor allem aber ist jeder einzelne Mensch, der jemals gelebt hat oder noch leben wird, in seiner eigenen kurzen Zeitspanne auf der Welt dazu aufgerufen, eine Entscheidung über seine Ewigkeit zu fällen. Und allein darin liegt bereits die Strahlkraft des Reiches Gottes ins Hier und Jetzt: Weil Gott vor Urzeiten festgelegt hat, dass es kommen wird, ist es nicht nur ein netter Gedanke, der einige wenige erfreut – es ging schon immer und geht auch heute wortwörtlich jede und jeden Einzelnen an. Ob sie oder er es wahrhaben möchte oder nicht …
Vielleicht muss ich also meinen Gedanken von vor vielen Jahren etwas revidieren: Für Christen ist der „Carpe diem“-Gedanke durchaus wichtig. Wir können jeden Tag nutzen, um bereits heute ein kleines Stück mehr Licht in die Welt zu bringen. Wir können auch jeden Tag nutzen, um Gott zu danken für sein Angebot und die Hoffnung, die wir jetzt schon auf sein Reich haben dürfen. Da ist auch genug Grund zum Feiern, Genießen und fröhlich sein inbegriffen! Und falls noch nicht geschehen, können wir auch jeden Tag nutzen, über die wichtigste Entscheidung unseres Lebens nachzudenken: Wollen wir dabei sein, wenn jede Träne abgewischt wird und es keinen Schmerz, keine Trauer und keinen Tod mehr geben wird (= im Reich Gottes) oder nicht?
Trotzdem bleibt auch das Noch-nicht. Noch hat es das Licht Gottes schwer, sich gegen die überwältigende Dunkelheit in der Welt durchzusetzen. Noch gibt es Schmerz, Trauer und Tod. Und da hat auch Team „Memento mori“ seinen wichtigen Platz. Denn ohne das Nachdenken über die Endlichkeit gibt es auch keinen Entscheidungsdruck. Das zeigt auch Hans Küng, allerdings mit einer hoffnungsvollen Wendung:
„Die Welt dauert nicht ewig! Das Menschenleben und die Menschheitsgeschichte haben ein Ende! Die Botschaft Jesu aber sagt: An diesem Ende steht nicht das Nichts, sondern Gott.“ (Küng 2021, S. 112)
Für den, der das glaubt, verändert es das Heute, das Morgen und die gesamte Zukunft – kurzum: alles! Ihr dürft mich zwar gerne weiterhin zitieren, denn ich bleibe dabei: Nach dem Tod ist man erst mal tot. Aber das ist nicht das Entscheidende. Viel wichtiger ist, ob man vor dem Tod geglaubt hat, dass es dabei bleiben muss.
Gottes Segen und bis zum nächsten Mal!
Euer Daniel
Quellen:
Küng, H. (2021) Jesus. 4. Aufl. München: Piper.
Foto von Florian van Duyn auf Unsplash
P.S.:
Als ich heute Word öffnete, um meinen Blogbeitrag zu schreiben, wurde mir nahegelegt, doch einmal den neuen Microsoft Copilot auszuprobieren. Meine Neugierde war geweckt, also tippte ich einen Zweizeiler darüber ein, was ich vorhatte. Heraus kam zu meiner Überraschung eine fertig ausformulierte Abhandlung über das Reich Gottes in Küngs Buch „Jesus“. Keine Angst, was ihr gerade gelesen habt, stammt ganz allein aus meiner Feder 😉 Trotzdem habe ich kurz weiterexperimentiert und den Copilot gebeten, mir eine tabellarische Zusammenfassung aus dem von ihm verfassten Text zu generieren. Das Ergebnis möchte ich euch nicht vorenthalten, da es erstaunlich akkurat war:

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